Oliver Wiesnegger

Der Vulkanflüsterer

Ein österreichischer Entwicklungshelfer fand in Nicaragua eine neue Heimat. Deren Vielfalt und Schönheit macht er mit großer Freude nun auch anderen zugänglich.

Oliver Wiesnegger ist ein gefragter Fremdenführer für Mittelamerika. Länder wie Nicaragua, Costa Rica und Guatemala kennt er wie seine Westentasche. Nicaragua ist auch seine Wahlheimat. Das Land bildet die Schnittstelle zwischen zwei Kontinenten und ist umgeben von zwei Ozeanen, die das Klima und damit auch die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt dieses Landes wesentlich beeinflussen. Nicaragua ist allerdings nicht nur bedeckt von tropischem Regenwald, sondern auch ein Land der Vulkane, das zudem reich an Zeugnissen vergangener Kulturen ist.

Dabei ist Oliver Wiesnegger nicht von vornherein dorthin gegangen, um zu bleiben. Der Bürgerkrieg hatte ihn in dieses Land gebracht und schließlich zu einem neuen Bürger gemacht. Die Auseinandersetzung zwischen den Sandinisten und den Contras dauerte von 1981 bis 1990 und zeichnete das Land schwer. Im Zuge einer Städtepartnerschaft zwischen Linz und der nicaraguanischen Stadt St. Carlos wurde auch ein Traktor gespendet. Mit diesem kam Oliver Wiesnegger als Entwicklungshelfer ins Land. Doch nicht nur die Landmaschine wurde gebraucht, sondern auch seine Expertise und somit seine Person, da es keinen Techniker gab, der den Traktor betreuen konnte. Im Sinne einer nachhaltigen Hilfe ist Oliver Wiesnegger also in der Partnerstadt geblieben.

Bewegte Jahre

So lernte er ab März 1986 nicht nur die Probleme des Landes kennen, sondern schätzte zunehmend auch die Mentalität der Bevölkerung und fand Gefallen an der landschaftlichen Schönheit Nicaraguas. Dem Traktor folgte unter anderem auch ein LKW der Stadt Linz, der in Nicaragua nun für den Bau von Gesundheitszentren, Kindergärten und anderen Gemeindeeinrichtungen verwendet wurde. „Es gab damals ja auch politische Stimmen, die gegen diese Unterstützung waren. Es hieß, dass die Sandinisten aus dem Material Panzer bauen hätten können, was natürlich ein Unfug war“, erinnert sich Wiesnegger an manche Vorbehaltung gegen die Unterstützung der Bevölkerung. Er selbst hätte zwar eine Kalaschnikow zusammenbauen und auch bedienen können, wurde von den Kriegshandlungen aber nur am Rande berührt. Der Konflikt beschränkte sich zu dieser Zeit auf den Norden und die Atlantikküste. Zudem führte die militärische Überlegenheit der Sandinisten dazu, dass der Bürgerkrieg ein Ende fand und freie Wahlen abgehalten wurden.

Sechs Jahre lebte er zunächst in der südlichen Stadt San Carlos. „Diese Zeit entwickelte und veränderte entscheidend mein Weltbild. Ich gründete mit meiner nicaraguanischen Frau Rafaela eine Familie. Wir waren aber oft getrennt: Während sie in der Hauptstadt Managua lebte, war ich im Kriegsgebiet Rio San Juan im Einsatz. Alle drei Wochen gab es ein heiß ersehntes Wiedersehen“, erinnert sich Oliver Wiesnegger an diese bewegte Zeit, deren Spuren und Relikte heute noch besichtigt werden können.

Wiesnegger kehrte 1992 nach diesen aufregenden Jahren wieder in seine alte Heimat zurück. Allerdings hielt er es dort nicht lange aus. Einerseits hatte er seine große Liebe in Nicaragua gefunden und war inzwischen verheiratet. Andererseits sah er auch kaum Perspektiven in Österreich. „Deshalb kehrten wir 1994 nach Nicaragua zurück: Ich, meine Frau, Sohn Jacob und Tochter Anneliese. Als Existenzgrundlage begannen wir mit dem Aufbau einer eigenen Autowerkstatt. Ich legte die Meisterprüfung für das Kraftfahrzeughandwerk ab. Dies gab mir das nötige Selbstvertrauen, um hier als Einwanderer ordentlich Fuß zu fassen“, so Wiesnegger.

Aufbruchsstimmung

Nach den Wahlen kam in Nicaragua zudem ein konservatives Bündnis an die Macht, und der Wirtschaftsboykott wurde aufgehoben. „Die dortige Aufbruchsstimmung hat mich angesteckt. Das Schöne hier ist, dass man noch ohne große bürokratische Hürden arbeiten und etwas aufbauen kann“, blickt Wiesnegger zurück. 

Seit der Gründung seiner Werkstatt haben ihn immer wieder Menschen aus dem deutschsprachigen Raum besucht, wodurch er automatisch in die Rolle eines Fremdenführers geschlüpft ist. „Die Wunden des Bürgerkrieges sind mittlerweile längst verheilt. Das Land ist eines der sichersten Staaten in dieser Region. Man kann sich frei bewegen und die Menschen sind unglaublich gastfreundlich“, schildert Wiesnegger seine Eindrücke aus Nicaragua. Mit kleinen Gruppen erkundet er heute das Land und zeigt den Gästen Sehenswürdigkeiten wie Regenwälder, Buchten, aber auch die Schönheit der Städte, die im Kolonialstil der Spanier erhalten geblieben sind. Zudem kann man sich vor Ort ein Bild machen, wie beispielsweise Kaffee, Kakao oder Zuckerrohr angebaut und geerntet wird. Die Highlights einer Nicaragua-Reise sind wahrscheinlich aber die Vulkane, die Teile des Landes geprägt haben. „Mein Vater war Alpinist. Da haben mich diese Krater enorm gereizt. Mittlerweile habe ich alle Vulkane des Landes bestiegen“, ist Wiesnegger stolz.

Sanfter Toursimus

Wiesnegger begrüßt gerne Gäste aus Österreich, die Interesse an seinem neuen Heimatland haben und die Region kennenlernen wollen. Unter sanftem Tourismus versteht Wiesnegger nicht nur, dass damit die Ressourcen des Landes bewahrt werden und ein Teil des Erlöses in den Erhalt des Regenwaldes sowie in soziale Projekte fließt, sondern auch die Gäste aus Europa kein Programm „verordnet“ bekommen, dass sie aufgrund ihrer Kondition vielleicht nur mühsam bewältigen können. Die Erkundung Mittelamerikas kann mit Oliver Wiesnegger individuell abgestimmt werden.

Steirische Wurzeln

Mit so gut wie keinen Spanischkenntnissen, aber einer großen Portion Optimismus kam Oliver Wiesnegger nach Nicaragua. Seine Wurzeln hat er wie Arnold Schwarzenegger in der Steiermark. Der Vater war später beim oberöstereichischen Bauernbund tätig, weshalb er mit ihm nach Linz gezogen ist. Dort ging er auch zur Schule. Seine Lehre absolvierte Wiesnegger in Ottensheim. Danach trampte er ein halbes Jahr durch Europa und war in Biobauernhöfen tätig. 1986 begann er in Nicaragua als Entwicklungshelfer zu arbeiten. Seine Frau lernte er während eines Besuches des früheren oberösterreichischen Landesrates Dr. Josef Ackerl in Nicaragua kennen.